ist fairtrade nur marketing
Kommentare 0

Fairtrade: Bei diesen 3 Siegeln bloß eine Marketingstrategie?

Jetzt wo Nachhaltigkeit im Trend ist und ganz plötzlich auch viele Firmen Interesse an dem Thema fairtrade gefunden haben (marketing *hust*), scheint ein regelrechter Kampf um das vielversprechendste Siegel entstanden zu sein.

In allen möglichen Formen und Farben sind sie auf der Verpackung abgebildet und suggerieren einem wie nachhaltig doch das Produkt XY ist. Besonders oft wird dabei das Wort „fair“ benutzt bzw. wohl eher vergewaltigt.

Denn so tugendhaft die Versprechen klingen, so trügerisch sind sie: Vielen Firmen geht es anscheinend mehr darum den nachhaltigen grünen Daumen aufzupolieren (oder den grünen Daumen nachhaltig aufzupolieren?). Dafür wird dann das Konzept „Armut vermarkten, damit die Reichen profitieren“ benutzt.

Natürlich gibt es auch ein paar Gute unter den ganzen schwarzen Schafen; diese auf den ersten Blick zu erkennen ist in dem verwirrenden Dschungel aus Symbolen aber wohl unmöglich. Deshalb möchte ich heute die bekanntesten „fairen“ Siegel genauer unter die Lupe nehmen und Licht ins Dunkle bringen.

PS.: Ich weiß, dass ich von Siegeln nicht viel halte. Trotzdem versuche ich so sachlich wie möglich zu bleiben, Ehrenwort!

Das steckt hinter den „fairen“ Siegel

Tatsächlich gibt es bloß auf den deutschen Markt über 1.000 verschiedene Siegel. Das liegt wohl vor allem daran, dass wegen fehlenden gesetzlichen Bestimmungen prinzipiell jeder eines erstellen kann. Außerdem sind Begriffe wie „fair“, „unbehandelt“ oder „kontrolliert“ nicht geschützt, d.h. die Bezeichnungen können beliebig verwendet werden.

Ein Siegel sagt also erstmal gar nichts über die Nachhaltigkeit oder die Fairness eines Produktes aus. Um herauszufinden für welche Richtlinien es wirklich steht und wie diese kontrolliert werden, muss man schon Recherche betreiben (was ich natürlich getan habe 😉).

Gehen wir der Sache also auf den Grund:

Das FAIRTRADE-Siegel

Das blau-grün-schwarze Logo ist wohl eines der bekanntesten Siegel im Lebensmittelbereich. Wörtlich übersetzt heißt es „fairer Handel“, was erstmal nach sicheren Arbeitsbedingungen, gerechter Entlohnung und einem umweltschonenden Anbau klingt.

Doch legt das Fairtrade Siegel wirklich den Fokus auf diese Aspekte?

Auf der Website findet man dazu einige Informationen, wobei die einzelnen Kriterien in 3 Gruppen untereilt sind: Soziales, Ökonomie und Ökologie (das kennen wir doch von den drei Säulen der Nachhaltigkeit):

  • SOZIALES: Demokratisch organisierte Kooperativen, auf Plantagen wird die gewerkschaftliche Organisation gefördert, ausnützende Kinderarbeit und Diskriminierung sind verboten und die Arbeitsbedingungen müssen festgelegt sein
  • ÖKOLOGIE: Umweltschonende Anbaumethoden, keine Verwendung von Pestiziden und gentechnisch verändertem Saatgut, der Schutz von natürlichen Ressourcen und die Förderung von Bio-Anbau.
  • ÖKONOMIE: Rückverfolgung von Waren- und Geldfluss, Transparenz bei den Handelsbeziehungen, Vorfinanzierung von Projekten möglich, festgelegte Mindestpreise und Ausschüttung von Prämien.

Das klingt erstmal schön und gut. Bloß gibt es da noch spezielle Regelungen im Einzelnen. So dürfen beispielsweise in besonderen Ausnahmefällen (nach Antrag und Genehmigung bei FLOCERT) eigentlich verbotene Pestizide eingesetzt werden (Quelle). So eine Situation wäre z.B. wenn ansonsten die ganze Ernte auszufallen drohen würde.

Eine weitere besondere Handhabung bei Fairtrade erhalten Mischprodukte. In diese Kategorie fallen Erzeugnisse, die aus mehreren Inhaltsstoffen bestehen. Damit sie das Zertifikat erhalten, müssen alle Rohstoffe aus Fairtrade-Quelle stammen. Ist das nicht möglich, muss im Endprodukt der Anteil der Fairtrade-Zutaten mindestens 20% betragen*.

*meiner Meinung ist das nicht besonders viel. Fairtrade selbst schreibt aber, dass solche Mischprodukte fast immer zu mehr als 50% aus Fairtrade-Zutaten bestehen (Quelle)

Vielleicht fragst du dich jetzt auch: „Wenn Fairtrade draufsteht, sollte doch auch bloß Fairtrade drin sein.“ Das ist leider nicht ganz so einfach. Zwar müssen Fairtrade-Rohstoffe und die, die nicht in diese Kategorie fallen, getrennt verarbeitet werden, oft können Betriebe dem aber nicht nachkommen (mangelnder Platz, es fehlen die dafür notwendigen Geräte, Fairtrade-Rohstoffe sind nicht in der benötigten Menge verfügbar,…).

fairtrade bei kakao

Das ist vor allem bei den Herstellern von Kakao, Zucker, Fruchtsaft und Tee der Fall. Diese Produkte müssen dann die Kennzeichnung „mit Mengenausgleich“ tragen. Das garantiert dem Konsumenten, dass die entsprechenden Firmen dieselbe Menge an fairen Rohstoffen einkaufen, wie sie Fairtrade-Produkte verkaufen (diese fairen Zutaten müssen sich aber nicht unbedingt genau in dem Produkt mit Mengenausgleich befinden).

Die Einhaltung dieser ganzen Aspekte wird von FLOCERT kontrolliert. In regelmäßigen Abständen werden Audits durchgeführt, wobei die dafür zuständigen Personen meist im entsprechenden Land ansässig sind und dadurch die regionalen Besonderheiten kennen.

Nach der Erstzertifizierung gibt es weitere Kontrollen, die auch unangekündigt stattfinden. Gibt es Verstöße gegen die Richtlinien, erhält der entsprechende Hersteller einen befristeten Zeitraum sie auszubessern. Erst dann stellt FLOCERT das FAIRTRADE-Zertifikat aus.

Das HAND IN HAND-Siegel

Das Hand in Hand-Siegel ist von der Firma Rapunzel ins Leben gerufen worden, um soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit zu garantieren. Die Richtlinien sind so ziemlich dieselben wie bei Fairtrade: Keine Kinderarbeit, faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, biologische Anbaumethoden, langfristige Lieferbeziehungen, Prämien, Mindestpreise (über die des Weltmarkts), usw.

Im Unterschied zu Fairtrade hat Rapunzel aber festgelegt, dass bei Mischprodukten die Rohstoffe zu mehr als 50% fair gehandelt (d.h. von HAND IN HAND-Partnern bezogen) sein müssen. Das ist auch der Grund, warum viele Artikel von Rapunzel zwar HAND IN HAND-Inhaltsstoffe enthalten aber nicht das Siegel tragen.

Damit die Richtlinien eingehalten werden, gibt es unabhängigen Inspektoren. Ein- bis zweimal jährlich finden Kontrollen statt, die auch unangemeldet verlaufen können. Die Auswertung der Überprüfungen und die Zertifizierung geschieht dann über eine externe Zertifizierungsstelle.

Im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit hat Rapunzel übrigens einen Fond gegründet. 1% des Einkaufswertes der gesamten HAND IN HAND-Rohstoffe fließen dort hin. Mit den Geldern werden Projekte in den Entwicklungsländern unterstützt, die z.B. die Bildung fördern, Zugang zu Trinkwasser ermöglichen oder erneuerbare Energien vorantreiben.

Das NATURLAND FAIR-Siegel

Von Naturland gibt es verschiedene Siegel; das Naturland Fair ist unter anderem eines davon. Ihm zugrunde liegen die Richtlinien vom EU-Bio-Siegel, wobei es aber noch einige zusätzliche Kriterien zu erfüllen gibt. Darunter fallen:

  • faire Löhne, Versammlungsfreiheit, Verbot von Kinderarbeit, Einhaltung der Menschenrechte
  • langfristige Handelsbeziehungen
  • Partner arbeiten an fairen Preisen, damit Produktionskosten gedeckt sind und der Gewinn angemessen ausfällt
  • Rohstoffe der Region
  • die Handelspartner arbeiten gut zusammen, was eine entsprechende Qualität garantiert
  • Arbeitsplätze und gemeinnützige Projekte werden gefördert
  • Strategie der Unternehmen muss im Sinne der Fairness sein

Staatlich anerkannte Kontrollstellen überprüfen die Erfüllung der Kriterien. Anhand ihrer Dokumentation vergibt dann Naturland die Zertifizierung oder eben nicht. Solche Audits werden angemeldet oder unangemeldet mindestens einmal pro Jahr durchgeführt.

Welches Fairtrade-Siegel ist nun das beste?

Nun, warum ich anfangs so negativ über Siegel gesprochen habe, hat folgenden Grund: Auch wenn es unterstützenswerte Ziele verfolgt, ist das laut mir theoretisch immer einfacher als in der Praxis.

Bei Fairtrade ist z.B. die Rückverfolgung für den Kunde durch den Mengenausgleich schwierig. Woher die Rohstoffe kommen, ob sie denn wirklich fair gehandelt wurden oder nicht, wird mehr zur Vertrauenssache als dass es transparent offen liegt.

Außerdem wird häufig kritisiert, dass die Kunden zwar mehr für die als fair deklarierten Erzeugnisse zahlen (was ja auch gerechtfertigt ist), aber ganz unten an der Pyramide nichts ankommt. Anstatt, dass also die Armut bekämpft wird, kommt das Geld den Großverteilern zugute; es bleibt im Norden.

Auch hier kann ich nur wieder sagen, dass mir als Kunde die Transparenz fehlt.
Andererseits ist natürlich klar: Entscheidet man sich für konventionelle Produkte, gibt es meist überhaupt keine Bemühungen das Ungleichgewicht zwischen dem Norden und Süden irgendwie zu verbessern, während bei den fair gekennzeichneten Artikeln immerhin Hoffnung besteht.

Was wäre als notwendig, um wirklich einen fairen Handel zu ermöglichen?
Dazu habe ich diesen spannenden Artikel gefunden, bei dem der senegalesische Ökonom Ndongo Samba Sylla interviewt wird. Laut ihm ist vor allem das ungerechte Marktverhalten das Problem.

Weil die Länder im Norden ihren Markt abschotten, können die südlichen Länder nur Rohstoffe und keine verarbeiteten Produkte liefern. Ndongo Samba Sylla betont, dass er allerdings kein Beispiel kennt, bei dem ein Land sich durch den Verkauf von rohen Landwirtschaftsprodukten hat entwickeln können.

Aus diesen Gründen kann ich auch gar nicht sagen, welches Siegel das beste ist: Bestimmt sind alle drei keine Möchtegern-Fairness-Präsentatoren, sondern wirklich an Nachhaltigkeit interessiert. Jedoch glaube ich auch, dass es noch vieler Schritte bedarf, um wirklich von einem fairen Handel sprechen zu können.

QUELLENNACHWEISE (abgerufen am 26.-28.09.2021)

https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/zertifizierung-und-kontrolle

https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-standards/rueckverfolgbarkeit

https://utopia.de/siegel/fairtrade-siegel-bedeutung-kritik/

https://www.rapunzel.de/bio-fairer-anbau.html

https://naturland.de/de/naturland/was-wir-tun/naturland-fair/%C3%B6ko-und-fair-aus-einer-hand.html

https://naturland.de/de/naturland/was-wir-tun/naturland-fair/kriterien-richtlinien.html

https://utopia.de/siegel/naturland/

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/kritik-an-fairtrade-wie-fair-ist-fairtrade-wirklich

Werbung, unbezahlt

WIE HAT DIR DER BEITRAG GEFALLEN?
[Abstimmungen: 0 Durchschnitt: 0]

Schreibe eine Antwort