Lehmhaus
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Das Lehmhaus: Ein Meilenstein im nachhaltigen Bauen?

Du hast noch nie was von einem Lehmhaus gehört? Na dann wird es Zeit, dass sich das ändert!

Lehm ist nämlich schon seit zig Tausenden Jahren ein beliebter Baustoff. Die chinesische Mauer und der Turm von Babel sind beispielsweise zwei der bekanntesten Lehmbauten. Doch nicht nur in einem bestimmten Gebiet, sondern auf der ganzen Welt haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Bauformen und -techniken rund um den Naturbaustoff entwickelt.

Erst in jüngerer Zeit wurde in unseren Breitengraden Lehm von den modernen Materialien verdrängt und ist somit in Vergessenheit geraten. Dabei haben sich auch eine Menge Vorurteile und Bedenken gegenüber dem natürlichen Rohstoff entwickelt.

Dass diese nicht stimmen und Lehm viel mehr als nur ein braunes, unscheinbares Gemisch ist, möchte ich dir in diesem Artikel zeigen.

Woraus besteht überhaupt Lehm?

lehm
Je nachdem welche Minerale der Lehm enthält, kann er rötlich, gelb oder braun sein

Lehm ist eine Mischung aus Sand, Schluff und Ton, wobei Letzterer für die Bindung zuständig ist. Da die Zusammensetzung je nach Gebiet variiert, ist kein Lehm wie der andere. Das muss auch bei der Trocknung berücksichtigt werden.

Fetter Lehm (Tonanteil > 30 %) schwindet beispielsweise stärker als magerer (Tonanteil < 15 %); der Prozess hängt aber auch vom Wassergehalt ab. Ist er zu fett bilden sich beim Trocknen gerne Risse; enthält er zu viel Sand (zu mager), wird er bröckelig.

Deshalb werden oft auch andere Materialien wie Stroh, Hanffasern oder Hobelspäne beigefügt. Diese machen den Lehm nicht nur elastischer und beugen somit der Rissbildung vor, sondern verringern auch die Dichte und führen deshalb zu einer besseren Wärmedämmung.

Kuhdung und Pferdemist finden hingegen Einsatz beim Außenputz. Vielleicht kannst du es dir kaum vorstellen, aber die Kacke von diesen Tieren erhöht tatsächlich die Witterungsbeständigkeit des Verputzes! Doch wie genau der Lehmbau vonstatten geht erfährst du im nächsten Absatz.

Die verschiedenen Bauarten eines Lehmhauses

Um zu verstehen, wie aus Lehm ein Haus werden kann, lass uns zuerst die verschiedenen Bauweisen anschauen:

Die lasttragende Bauweise

Lehmhaus lasttragend aus Lehmsteinen
Ein Lehmhaus mit lasttragender Bauweise (Lehmsteinen)

Der Lehm wird hierbei zu Blöcken geformt, wobei diese nicht wie Ziegeln gebrannt, sondern nur getrocknet werden. Ihnen kann Stroh beigefügt sein (Leichtlehmsteine) oder sie bestehen nur aus Lehm (Lehmvollsteine).

Die Bauweise an sich gleicht der herkömmlichen: Die Steine werden aufeinandergestapelt; als Mörtel kommt wieder Lehm zum Einsatz, gleich wie beim Verputz. Die Lasten werden also von keiner Konstruktion übernommen, sondern von den Steinen selbst.

Es gib aber auch noch die Möglichkeit des lasttragenden Strohballenbaus. Dabei werden statt den Lehmsteinen dicht gepresste Strohballen übereinander getürmt. Deren Beschaffenheit bestimmt die Höhe des Gebäudes; empfohlen sind eingeschossige, möglich aber auch mehrgeschossige.

Damit beim Bauwerk später keine ungewollten Verformungen entstehen, sollten hierbei die Strohballen mit erhöhten Lasten* vorgespannt sein. Durch die Relaxation (Setzung) würde sonst der eher weiche Baustoff Stroh später zusammensinken (z.B. beim Auflegen des Daches oder beim zusätzlichen Gewicht des Schnees im Winter).

*man beansprucht sie mit mehr Gewicht als später maximal auftreten wird

Die Lasten werden aber nicht nur von den Ballen übernommen; auch der Lehmputz sorgt für mehr Tragkraft, indem er die Wand versteift. Weil die Statik solcher Gebäude noch nicht allgemein gültig berechnet werden kann, braucht es in Deutschland dafür noch eine Sondergenehmigung durch das regionale Bauamt.

Neu ist diese Bauweise übrigens nicht: In Nebraska wurde sie ca. 1880 das erste Mal genutzt.

Die Holzständerbauweise

Im Gegensatz zur vorherigen Bauart ist hier eine Holzständerkonstruktion das tragende Element. Zwischen diesen werden die gepressten Strohballen eingebracht; sie fungieren also als Dämmmaterial.

Bezüglich Baugenehmigung sieht es hier wesentlich einfacher aus: Bereits seit 2014 ist Stroh in Deutschland für die Dämmung allgemein zulässig. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Bauweise die beliebtere als die lasttragende ist?

Nicht zu vergessen: Der Lehmverputz

Gleichgültig ob lasttragende oder Holzständerbauweise: Nach dem Errichten der Wände darf der Verputz natürlich nicht fehlen. Wie der Name schon sagt, besteht bei einem Lehmhaus dieser aus Lehm.

Dabei werden mehrere Schichten aufgetragen: Die erste ist normalerweise mit Stroh gemischt und die gröbste, die zweite feiner, weil mit Zellulose vermengt und die dritte die glatteste.

Auf dem Markt existieren zahlreiche entsprechende Produkte; allerdings ist es kein Muss diese zu verwenden. Mit etwas Recherche und der richtigen Technik sind nämlich schon einige Lehmhäuser in Eigenregie entstanden (z.B. dieses hier).

Damit der Putz später aber auch gut hält und sich mit den Strohwänden verbindet, wird er in einer Mischgrube eingestampft. Das kann maschinell passieren oder auch mit eigener Körperkraft.

Logischerweise benötigt Letzteres mehr Zeit und eigene Energie. Den Meisten macht es aber Spaß beim eigenen Hausbau aktiv tätig zu sein, was später eine ganz andere Wertschätzung bewirken kann.

Egal wie man sich entscheidet: Das gestampfte Gemisch sollte schließlich noch 24 Stunden mauken, weil dies dessen Bindeeigenschaft nochmals erhöht und überschüssige Flüssigkeit vermindert. Dann wird es mit Kraft auf die Mauer beworfen (deshalb der Begriff Lehmbewurf) und einige Wochen trocknen gelassen.

Die Meisten entscheiden sich auch innen die Wände mit Lehm zu verputzen. Dafür wird dieselbe Technik angewandt. Wem die natürliche Farbe der Lehmwände nicht gefällt, kann anschließend noch einen Kalkputz auftragen, der desinfizierend und gut für die Atmungsaktivität ist.

Warum ein Lehmhaus?

Eeeeendlich ist es soweit! Ich darf von den wunderbaren Eigenschaften eines Lehmhauses sprechen! Du wirst sehen, dass ich nicht ohne Grund so überzeugt davon bin 🙂

Was ich immer wieder gelesen habe, ist, dass Bewohnern so eines Gebäudes sofort das tolle Raumklima auffällt. Dadurch dass Lehm gut Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann, wird nämlich die Feinstaubbelastung reduziert und Schimmelbildung vermieden.

Dass mit Lehm verputzte Strohwände zu schimmeln anfangen ist übrigens eines der Top Vorurteile. Nur nochmal fürs Verständnis: Wir sprechen hier von getrockneten Getreidehalmen und nicht von getrocknetem Gras (Heu)!

Letzteres zersetzt sich nämlich bedeutend besser bei Feuchtigkeit, während Ersteres chemisch sehr ähnlich zusammengesetzt ist wie Holz. Sofern also das Gebäude richtig konstruiert wurde, kann Stroh sehr wohl die Nässe wieder abgeben.
Bei einer guten Planung und Umsetzung sollte es aber gar nicht passieren, dass Feuchtigkeit aus dem Inneren in der Dämmung kondensiert!

Die richtige Bauweise ist auch wichtig bezüglich Dauerhaftigkeit: Das älteste Lehmgebäude (6-stöckig!) befindet sich z.B. in Weilburg an der Lahn und geht auf 1828 zurück. Das zeigt, dass in dieser Weise errichtete Gebäude definitiv eine lange Lebensdauer mit sich bringen können!

Der Nachhaltigkeitsaspekt von Lehmhäuser ist aber auch in anderen Bereichen sichtbar. So ist u.a. auch die hervorragende Wärmespeicherung hervorzuheben. Diese bedeutet wiederum eine Reduktion des Heizbedarfs=ökologischer.

Stroh ist ein ökologischer Baustoff
Stroh-ein schnell nachwachsender Rohstoff

Generell handelt es sich bei Stroh und Lehm um natürliche, nachwachsende Rohstoffe, die voll kompostierbar sind. D.h. wenn beim Bau keine Chemikalien dazugemischt werden, fallen bei einem eventuellen Abriss eines Lehmhauses dessen Bestandteile wieder zurück an die Natur.

Dabei ist ein weiterer Pluspunkt, dass die verwendeten Materialien aus der Region kommen: Lehm ist sowieso überall auf der Welt zu finden; Stroh stellt in europäischen Breitengraden oft nur ein Abfallprodukt dar.

Das bedeutet auch, dass bei der Entsorgung nur das an die Natur zurückgegeben wird, das sie schon kennt. Der Boden (und alles was darauf wächst) eines jeden Gebietes enthält nämlich ganz spezifische Informationen, was einen Umgang mit Fremdkörpern schwierig macht*.

*Würde man z.B. in einem Wald in Deutschland ein Strohlehmhaus aus asiatischem Bambus, afrikanischem Reisstroh und amerikanischem Lehm bauen und es dann so dahinkompostieren lassen, wäre der Boden erstmal in seinem Jahrtausend langen entwickelten Zyklus gestört. Im schlechtesten Fall würde sich durch die importierten Rohstoffe Samen verbreiten und die dabei entstehenden Pflanzen Schritt für Schritt die einheimischen verdrängen #SchlechtFürDieArtenvielfalt

gepresste Strohballen fürs Lehmhaus
Die Strohballen müssen eng zusammengepresst sein; Beim Einbau werden sie nochmals verdichtet

Kommen wir zu einer Behauptung, die ich auch schon ganz oft gehört habe: „Ja, ja und sobald dann mal das Strohlehmhaus zu brennen anfängt, kannst du gar nichts mehr machen… So schnell wie das in Flammen aufgeht.“

Ähm, nein.

Lehm ist schwer entflammbar, weshalb ein lehmverputzter Strohballenbau 90 Minuten einem Feuer standhalten kann (Brandschutzklasse F90). Weil normalerweise keine chemischen Baubestandteile verwendet wurden, sind bei einem Brand die giftigen Dämpfe zusätzlich weitaus geringer.

Grund für den guten Brandschutz ist übrigens auch das Zusammenpressen der Strohballen, wodurch weniger Luft hineinkommen kann (=schlecht fürs Feuer).
Das starke Verdichten hat aber einen weiteren Vorteil: Mäuse und Insekten finden nur schwer einen Durchgang. Bei einem vollständig verputzten Lehmhaus brauchst du dir also diesbezüglich keine Sorgen machen.

Wieviel kostet ein Lehmhaus?

Vorab: Einen genauen Preis kann ich dir hier nicht nennen. Denn gleich wie beim herkömmlichen Hausbau ist es entscheidend wieviel selbst Hand angelegt wird.

Manche mögen lieber nur Experten an ihr Projekt lassen; andere genießen wiederum das kreative Ausleben und der/die eigene Bauherr/in zu sein. Auch wie groß und ausgefallen dein Haus werden soll, wird den Preis beeinflussen.

Eins ist aber sicher: Weil Stroh ein Abfallprodukt ist und wie Lehm regional verfügbar ist, kosten die Baumaterialien normalerweise weniger als herkömmlichen. Da die Bauweise jedoch noch nicht so verbreitet ist, können Baugenehmigungen teuer werden.

Falls du schon genaue Vorstellungen von deinem Haus hast oder dich auch zuerst mal beraten lassen möchtest findest du über den Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. eine Übersicht mit Anbietern für Strohhäuser.
Ansonsten gibt es auch genügend Workshops, bei denen gezeigt wird wie man seinen Traum vom Lehmhaus umsetzen kann.

Fazit

Wie du gesehen hast, gibt es zahlreiche Aspekte die für ein Lehmhaus sprechen. Der notwendige Schritt ist also den Menschen diese aufzuzeigen und ihr Vertrauen gegenüber der natürlichen Bauweise wiederherzustellen.

Große Projekte wie z.B.das Ökodorf Sieben Linden haben dies bereits in die Realität umgesetzt. Viele der dort errichteten Gebäude sind nämlich aus Lehm und Stroh und verbinden die modernen Ansprüche der Bewohner mit Nachhaltigkeit.

Bis in unserem Breitengrad aber auch wie in den Entwicklungsländern die Hälfte der Menschen in Lehmhäusern lebt oder in anderen nachhaltigen Behausungen, ist wahrscheinlich noch einiges an Aufklärarbeit und Bewusstseinsentwicklung vonnöten.

Deshalb hoffe ich, dass dieser Artikel wenigstens ein klein bisschen zum Hinterfragen und Umdenken beiträgt. Denn für mich ist klar: Bauweisen wie der Lehmbau sind die Zukunft!

QUELLENANGABEN (am 27. und 28.05.2021 abgerufen)

http://netzwerklehm.at/lehm/was-ist-lehm/

https://fasba.de/wp-content/uploads/2016/05/Lasttragendes-Bauen-Stand-des-Wissens-2009-2014.pdf

https://docplayer.org/45623953-Bauen-mit-stroh-ecococon-ein-standardisiertes-strohbauelement-im-vergleich.html

https://www.strohballenbau.info/ausfuehrlich/

https://www.strohballenhaus.org/

Eine sehr ausführliche Anleitung für das Bauen mit Lehm: http://www.baudochmitlehm.de/lehm/lehm3.htm

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