Nachhaltige Materialien bei Kleidung
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Nachhaltige Materialien bei Kleidung-Ein Überblick

Wahnsinn wie schnell die Zeit vergeht. Vor einem Monat habe ich über nachhaltige Kleidung geschrieben. Damals habe ich versprochen eine ausführliche Materialkunde für Textilien zu verfassen. Hiermit kommt sie endlich! *Freu, freu*

Du bist überfordert?

Die Menschen werden bewusster; Nachhaltigkeit ist mittlerweile zu einem großen Thema geworden. Immer mehr Leute achten auch bei Kleidung auf nachhaltige Materialien. Doch oft ist es schwierig-vor allem für Neulinge in dem Bereich-abzuwägen: „Ist jetzt Viskose oder Baumwolle besser? Und was zur Hölle ist Modal?“

Beim Blick auf das Etikett kommt es schnell zur Überforderung; man möchte doch einfach ein T-Shirt kaufen und nicht vorher stundenlang jedes einzelne Material recherchieren. Das kann ich verstehen. Damit aber deine guten Vorsätze nicht flöten gehen, möchte ich dir in diesem Beitrag einen Überblick über die verschiedenen Fasern geben.

Welche Materialien gibt es überhaupt? Die Vor- und Nachteile

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen den chemischen und natürlichen Fasern.
Erstere können synthetisch hergestellt sein oder natürlich. Natürliche Chemiefasern deshalb, weil sie aus Zellulose (=natürlich) produziert und dann chemisch aufbereitet werden. Manche Synthetikfasern sind zwar recycelbar, aber brauchen sehr lange um wieder abgebaut zu werden.
Zweitere sind in dem Punkt nachhaltiger, weil sie sich relativ leicht zersetzen.

Synthetische Chemiefasern

Polyester, Polyamid (PA), Elasthan, Polyacryl (PAN):

Polyester stellt eine große Belastung für die Umwelt dar

Sehr beliebt bei Sport- bzw. Outdoorbekleidung, weil synthetische Fasern schnell trocknen, leicht und reißfest sind. Klamotten aus Synthetikstoffen knittern nicht, d.h. sie müssen nicht gebügelt werden.

Bei Arbeitsbekleidung ist vor allem Elasthan beliebt. Es hat dieselben Eigenschaften wie die anderen Synthetikfasern, ist aber zusätzlich sehr dehnbar. Wenn zu viel Elasthan bei einer Textilie verwendet wurde, dann geht Kleidung nicht mehr in seine Ausgangsform zurück. D.h. sie wird ausgeleiert und sitzt schlecht.

Meistens werden synthetische Materialien mit anderen Fasern gemischt, z.B. mit Baumwolle. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit einer allergischen Reaktion stark verringert. Auch die Atmungsaktivität steigt bei der Mischung mit einem anderen Material. Dennoch bleiben Synthetikfasern schlechte Feuchtigkeitstransporteure und schnell entflammbar.

Ein großer Nachteil ist die Verwendung von Erdöl bei der Herstellung. Erdöl ist leider eine nicht nachwachsende Ressource. Sicherlich darf man nicht vergessen, dass die synthetischen Fasern z.T. aus recycelten Materialien bestehen (z.B. Plastikflaschen). Doch genau deshalb bleiben sie Plastikfasern, d.h. nicht kompostierbar.

Das ist sehr problematisch für unsere Umwelt. Klitzekleine Plastikpartikel werden in der Waschmaschine abgerieben und kommen so in die Gewässer. Die Teilchen können von Kläranlagen nicht herausgefiltert werden, weil sie so winzig sind. Somit bleiben sie ewig als Fremdteil im Kreislauf.

Speziell bei Polyacryl gilt zu beachten, dass Blausäure bei zu starker Erhitzung der Faser entsteht. Blausäure ist sehr giftig für unseren Körper und die Umwelt. Wasche, trockne und bügle Textilien aus dem Material deswegen nie zu heiß!

Natürliche Chemiefasern

Viskose, Lyocell, Modal:

Auch die natürlichen Chemiefasern haben durchaus positive Eigenschaften: Sie können Feuchtigkeit gut transportieren, sind weich, pflegeleicht, und müssen nicht gebügelt werden, weil sie nicht knittern. Im Gegensatz zu den synthetischen Chemiefasern können Viskose, Lyocell und Modal relativ gut biologisch abgebaut werden.

Das liegt daran, dass Zellulose das Ausgangsmaterial ist. Holz von Buchen, Fichten, Pinien, Bambus oder Eukalyptus wird zu Schnipseln zerkleinert. Dann folgt die Aufbereitung mit chemischen Stoffen.

Je nachdem woher das Holz bezogen wird und wie die chemische Aufbereitung gehandhabt wird, sind natürliche Chemiefasern mehr oder weniger nachhaltig.
Die österreichische Firma Lenzing beispielsweise benutzt bei ihrer Herstellung Buchenholz (das von nachhaltiger Forstwirtschaft kommt) und Baumwoll-Stoffreste. Die eingesetzten Lösungsmittel werden dabei wiederverwertet; d.h. die Firma schafft hier einen geschlossenen Kreislauf.

Leider ist das nicht immer so. Vor allem die der sehr beliebte Viskose wird in armen Ländern weit entfernt von uns produziert. Dabei entstehen oft giftige Dämpfe, die zusammen mit den eingesetzten Chemikalien Luft und Wasser verschmutzen.

Die Herstellung ist sehr energieaufwendig, was sich auch im Preis beim Endverbraucher widerspiegelt. Was aber nicht vergessen werden darf: Vergleichsweise zu Baumwolle sind beim Anbau der Bäume keine Bewässerung und Pestizide nötig sind. Außerdem ist Lyocell viel ertragreicher als Baumwolle: aus ca. 6 m² Boden können 1 T-Shirt aus Bio-Baumwolle oder 10 aus Lyocell gefertigt werden.

Naturfasern

Pflanzliche Fasern

Baumwolle:

Sie ist die beliebteste natürliche Faser, doch ist sie auch nachhaltig? Baumwolle ist robust, hautfreundlich, weich und gut waschbar. Die Atmungsaktivität ist gegeben, aber Lyocell nimmt z.B. Feuchtigkeit noch besser auf.

In den letzten Jahren ist die pflanzliche Wolle stark in den Verruf gekommen. Für den Baumwollanbau werden nämlich viele Pestizide eingesetzt, die das Wachstum von Unkraut unterdrücken und Schädlinge von der Baumwollpflanze fernhalten sollen.

Diese Chemikalien stellen nicht nur für die Arbeiter (oder soll ich Sklaven sagen?!) ein gesundheitliches Risiko dar, sondern auch für uns. Das Gift bleibt nämlich in den T-Shirts und im Grundwasser.

Und nicht nur die Pestizide sind ein Problem; für die Baumwollproduktion ist viel Wasser und Energie nötig. Und da China, Indien, Pakistan und die USA Hauptimporteure sind, kann man bei uns kaum von Regionalität sprechen.

Leinen:

Ist Leinen nachhaltig?

Diese Naturfaser ist antibakteriell, antistatisch und schmutzabweisend. Da das Material eine kühlende Wirkung hat, findet es Verwendung für Sommerbekleidung. Für wärmende Pullis ist es weniger geeignet.

Die Reisfestigkeit macht daraus gefertigte Textilien oder andere Produkte sehr strapazierfähig. Für die Verwendung wie einem Sesselbezug ist die Naturfaser aber weniger geeignet, weil sie nicht scheuerfest ist. Das solltest du auch beim Waschen beachten!

Bezüglich waschen: Textilien aus Leinen gehen beim ersten Mal Waschen ein! Ansonsten brauchst du dir keine Sorgen machen, weil sie hohe Temperaturen gut aushalten und auch Waschmittel gut vertragen. Häufiges Waschen macht die Faser sogar geschmeidig und elastischer.

Hergestellt wird Leinen aus der Flachspflanze, die relativ schnell nachwächst. Der Anbau ist ziemlich unkompliziert, die Ernte und Verarbeitung aber sehr aufwendig und kostenintensiv. Deshalb sind Textilien aus dem Stoff teurer als aus Baumwolle. Trotzdem ist Leinen umweltfreundlicher als Baumwolle.

Tierische Fasern

Leder:

Leder wird heutzutage kaum noch als ganzes Outfit getragen. Motorradbekleidungen bilden da die Ausnahme. Die altbekannte Lederjacke wird mittlerweile eher aus Kunstleder hergestellt; weil es günstiger ist und auch wegen ethischen und moralischen Aspekten mancher Kunden.

Generell braucht Leder wenig Pflege, aber die richtige. Dann wirst du mit deiner Lederjacke jahrelang eine Freude haben, weil das Material ist langlebig und ziemlich unkompliziert.

Kratzer im Leder werden häufig nicht als Mangel angesehen, sondern verleihen dem Produkt erst die typische Lederoptik. Mit der Zeit wird das Material auch weicher und anschmiegsamer.

Für Menschen mit einer veganer Lebensweise ist Leder nichts. Ausgangsstoff ist nämlich tierische Haut, die dann in einem aufwendigen Prozess weiterverarbeitet wird. Beim Gerben werden meistens Chromsalze verwendet, wobei giftige Stoffe entstehen können.

Auch die Arbeitsbedingungen lassen zu wünschen übrig. Leder gehört zu den dreckigsten Industrien der Welt...

Wolle:

Nicht nur die klassische Schafswolle zählt dazu, sondern auch die Kaschmir-, Angora-, Lama- und Alpakawolle. Um nur ein paar zu nennen.

Sie hält lange warm und ist gut darin Feuchtigkeit und Temperatur zu regulieren. Das Fett in der Wolle (Lanolin) macht sie wasser- und schmutzabweisend. Des weiteren ist die Naturfaser dehnbar, langlebig (bei entsprechender Pflege) und antibakteriell.

Das traurige an Wolle ist das Mulesing:
Vielen Merinoschafen wurde eine extra faltige Haut gezüchtet für eine gesteigerte Wollproduktion. In diesen Falten sammeln sich gerne Schweiß und Exkremente, was den Fliegenmaden besonders gefällt. Sie fressen sich in den Hintern der Schafe, was für diese tödlich enden kann.

Damit dieser Befall ausbleibt, werden beim Mulesing Hautlappen vom Hinterteil der Schafe ohne Betäubung (!!!) heruntergeschitten. Dass dieses Verfahren besonders grausam ist, kannst du dir denken.

75% der allgemeinen Wolle und 90% der Merinowolle kommt jedoch von Australien. Dort können die Schafzüchter leider SELBST entscheiden, ob sie von diesem grausamen Verfahren Gebrauch machen. In vielen anderen Ländern, z.B. Neuseeland, Südafrika und Argentinien ist es verboten. Inwiefern das kontrolliert wird, weiß ich nicht.

Es gibt aber eine Kampagne, die nennt sich „Wolle mit Po“. Dort gibt es eine Liste mit 180 Marken, die sich gegen das Mulesing stellen. Nötig wäre meiner Meinung allerdings eine regelmäßige, nicht angekündigte Kontrolle der Schafhalter vonseiten der Firmen.

Manche Firmen schreiben online woher sie die Wolle beziehen. Unter europäischen Schafshaltern ist mir Mulesing nicht bekannt. Willst du aber nicht nur vertrauen, sondern sichergehen, dass bei der Produktion kein Tier leidet, ist die einzige Möglichkeit komplett auf Wolle zu verzichten. Denn auch bei Bio-Wolle aus Australien ist Mulesing nicht auszuschließen.

Seide:

Seidenstoff ist ein sehr edler Stoff, leicht, glatt und weich. Die Faser ist Resistenz gegen Mehltau und Motten und äußerst saugfähig. Schaut man sich aber die Herstellung an, rückt Seide in ein ganz anderes Licht.

Seide wird nämlich von den Seidenraupen produziert. bzw. aus deren Kokons. Bevor die Raupen schlüpfen tötet man sie mit heißem Wasser oder Wasserdampf, damit das Kokon nicht zerreißt! Nicht nur das ist erschreckend: Um ein halbes Kilogramm Seide herzustellen, braucht es ungefähr 3.000 Kokons!

Das ist für mich schon Grund genug nichts aus Seide zu kaufen. Aber auch die aufwendige Pflege, der hohe Preis, das leichte Verblassen durch Schweiß, Sonne und Seife macht Seide nicht attraktiv für mich.

Biofasern

Viele Unternehmen haben auf Bio (-Baumwolle) umgestellt. Das Problem bei den Bezeichnungen „Öko“, „Bio“ und „Natur“ ist, dass sie für die Textilindustrie nicht geschützte Begriffe sind. Es ist dafür also kein Einhalten spezieller Regelungen nötig.

Anfang 2010 gab es diesbezüglich einen großen Skandal. Der Großteil der aus Indien stammenden Baumwolle wurde gentechnisch verändert, aber als Biobaumwolle verkauft. Namhafte Handelsketten waren davon betroffen.

Ich muss sagen, mich macht es immer skeptisch, wenn ich ein 15€ Biobaumwolle T-Shirt sehe. Wenn Bio-Textilien, dann müssen sie meiner Meinung nach auch fair und regional produziert worden sein. Und bei 15€ finde ich das schwer vorstellbar.

Also: Kontrolliere immer zuerst wie transparent Firmen bei ihrer Produktion sind und schaue ob deren Philosophie zu deiner passt. Jeder Kauf ist eine Unterstützung!

Fazit

Wie nachhaltig Klamotten sind, ist nicht nur vom Stoff an sich abhängig. Auch der Anbau, die Produktion und die dabei verwendeten Chemikalien, der Energiebedarf, die Abfallprodukte spielen eine Rolle.

Schaue immer genau hin, ob die Textilien fair, regional und wirklich biologisch produziert wurden. Vielleicht überlegst du dir auch mal Seconhand-Mode auzuprobieren?

QUELLENANGABE (ABRUFDATUM 20. und 21.12.2020)

https://de.contrado.com/blog/was-ist-polyester/

https://utopia.de/ratgeber/polyamid-pa-einfach-erklaert-das-solltest-du-wissen/

https://aboutwork.modyf.de/stretchmaterial-vor-und-nachteile/

https://utopia.de/ratgeber/polyacryl-eigenschaften-anwendung-und-probleme-der-kunstfaser/

https://utopia.de/ratgeber/viskose-eigenschaften-und-nachhaltigkeit-der-kunstseide/

https://www.smarticular.net/kunstfasern-synthetik-kleidung-ohne-mikroplastik-materialkunde/

https://www.greenality.de/blog/die-zukunftsfaser-tencel/

https://www.lundkvist.de/leinen/warum-ich-leinen-liebe-und-welche-vielen-vorteile-es-hat/

https://www.handtuch-welt.de/Magazin/Fachwissen/Der-Weg-der-Baumwolle/

https://wohnparc.de/magazin/was-ist-besser-ledersofa-oder-stoffsofa/

https://www.quarks.de/umwelt/so-schmutzig-ist-die-herstellung-von-leder/

https://www.peta.de/Mulesing

https://www.tierwelt.ch/news/nutztiere/die-dunkle-seite-der-merino-wolle

https://www.pandasilk.com/de/advantages-disadvantages-of-silk/

https://www.heine.de/styles-and-stories/stoffe-und-fasern-kleines-material-lexikon/

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