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VIPASSANA: Meine 10 sehr harten Tage des Schweigens

Es war hart. Sehr hart.

So würde ich meine Vipassana Erfahrung in einem Satz beschreiben.

Es waren 10 Tage voller Höhen und Tiefen-Durchhaltevermögen dringend erforderlich! Körper und vor allem Geist müssen sich schließlich erst einmal daran gewöhnen etwa 10 Stunden täglich sitzend zu verbringen und sich dabei nicht ablenken zu können.

Handy und Co. sind nämlich verboten, genauso wie die Kommunikation mit anderen Menschen. Zu den genauen Regeln aber später mehr.

Vorher noch die Gründe, welche mich dazu bewegt haben das Ganze zu machen. Die Frage ist schließlich berechtigt: Warum möchte man eineinhalb Wochen den ganzen Tag lang meditierend verharren ohne Kontakt zur Außenwelt?

Nun, einmal war es die Neugierde (für meine verrückten Ideen und Selbstexperimente bin ich bekannt): Wie wird es wohl sein von morgens bis abends nur mit sich beschäftigt zu sein? Welche Erkenntnisse gewinnt man dabei?

Zum anderen hatte ich noch nie 10 Tage am Stück in kompletter Stille verbracht und über Fragen wie „Wozu bin ich/sind wir hier auf der Welt?“, „Wie sieht mein weiterer Weg aus?“ oder „Was ist Wahrheit?“ nachgedacht. Es war also eine gute Gelegenheit um vielleicht zu noch tieferen Einsichten zu kommen.

Schlussendlich hat natürlich meine spirituelle Sichtweise wesentlich dazu beigetragen am Vipassana-Kurs teilzunehmen. Wenn du diesen Artikel gelesen hast, weißt du was ich mit der Illusion des Ichs meine. Da Vipassana auf der Grundlage „die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind“ aufgebaut ist, knüpft es genau dort an und schien deshalb wie für mich gemacht zu sein.

Was ist Vipassana?

Vipassana ist der Name einer Meditationstechnik aus Indien. Nachdem sie lange Zeit verloren war, wurde sie von Siddhattha Gotama (Buddha) wiederentdeckt*. Diese Lehre des universellen Wegs zur Befreiung nannte er Dhamma und er hat er sich zur Aufgabe gemacht sie in aller Welt zu verbreiten.

*S. N. Goenka, dessen Stimme beim abendlichen Vortrag und bei den Meditationen zu hören ist, hat Vipassana also nicht erfunden, sondern lediglich entdeckt und dann gelehrt

Das ist ihm auch gelungen: Sie fand und findet immer noch großen Anklang. Das liegt unter anderem daran, dass Vipassana frei von jeglicher Religionszugehörigkeit ist. Egal ob Muslime, Christen, Juden oder Islamisten, egal ob schwarz oder weiß ob Inder oder Afrikaner: Jeder kann Dhamma lernen und praktizieren.

Der Ansatz bleibt aber nicht bloß ein theoretischer, zielt die Technik darauf ab seinen Körper mit all den Empfindungen zu beobachten und so die Wechselbeziehung zwischen ihm und dem Geist zu erleben und zu verstehen.

Durch diese Selbstbeobachtung können wir erfahren wie unsere Reaktion auf Äußerlichkeiten abläuft: Passiert im Außen etwas von uns Unerwünschtes, antwortet der Verstand u.a. mit Ablehnung, Schmerz oder Leid, bei etwas Erwünschtem entsteht beispielsweise Begierde (ich will mehr von dem).

Z.B.: Jemand ändert in der Meditationshalle so laut seine Sitzposition, dass du das Gefühl hast dich nicht mehr konzentrieren zu können. Sofort bildet sich in deinem Kopf der Gedanke: “Diese Person hat meine Meditation gestört. Kann sie nicht leiser sein?!“ ->ABLEHNUNG

Oder: Du hast gehört, dass bei der Vipassana-Meditationstechnik nach einiger Zeit ein Gefühl völliger Schwerelosigkeit aufkommt. Immer wieder fragst du dich wann es denn bei dir endlich so weit ist, denn du möchtest auch unbedingt diese Empfindung haben. ->VERLANGEN

Wie können wir nun diese geistigen Unreinheiten auflösen?

emotionen loslassen durch vipassana

Die Antwort lautet: Einfaches Beobachten lassen sie schwächer werden, bis sie komplett weggehen.

D.h. du nimmst beispielsweise wahr wie deine Hand juckt. Anstatt aber dem Verlangen nachzugehen den Juckreiz durch Kratzen zu stillen, reagierst du nicht darauf. Du beobachtest bloß die Empfindung bis sie wieder abklingt.

Diese Technik ermöglicht die direkte Erfahrung des Naturgesetzes, dass alles kommt und geht. Das Erleben dabei ist deshalb so wichtig, weil ein rein intellektuelles Verständnis nicht reicht. Die meisten Menschen WISSEN schließlich, dass jedes Hoch und Tief wieder vergeht, streben aber immer nach Ersterem und versuchen Letzteres zu vermeiden.

Um in völliger Harmonie und Frieden zu leben ist es aber notwendig seinen Geist zu trainieren, um eben nicht auf solche Äußerlichkeiten zu reagieren. Dazu muss einem bewusst sein, dass, sobald sich irgendeine Negativität im Kopf bildet, zwei Dinge passieren.

Zum Ersten verändert sich der Atem (bei Ärger wird er z.B. schneller und härter), zum Anderen werden biochemische Vorgänge im Körper eingeleitet, die sich in Form diverser unterschwelliger Empfindungen äußern.

Dies zu beobachten ist anfangs natürlich schwierig, kann aber mit Übung gelingen. So liegt der Fokus in den ersten 3 Tage des Vipassana-Kurses auf der Beobachtung des Atems. Erst ab dem 4. Tag geschieht die Einführung in die Technik, bei der die Empfindungen am ganzen Körper beobachtet werden.

->falls du ein wenig ausführlicher über die Technik lesen möchtest, kann ich dir sehr diesen Artikel empfehlen

Der Ablauf von Vipassana

Vipassana-Kurse gibt es auf der ganzen Welt, doch der Zeitplan ist überall gleich:

04.00 Gong – Aufstehen
04.30-06.30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
06.30-08.00 Frühstückspause
08.00-09.00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
09.00-11.00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer (entsprechend den Anweisungen des Lehrers)
11.00-12.00 Mittagessen
12.00-13.00 Ruhepause und Gelegenheit zum Interview mit dem Lehrer
13.00-14.30 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
14.30-15.30 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
15.30-17.00 Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer (entsprechend den Anweisungen des Lehrers)
17.00-18.00 Teepause
18.00-19.00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
19.00-20.15 Vortrag des Lehrers in der Halle
20.15-21.00 GRUPPENMEDITATION IN DER HALLE
21.00-21.30 Zeit für Fragen in der Halle
21.30 Nachtruhe – Licht aus

Falls du gerade auch so schockiert auf diese Zahl am Anfang blickst: Ja um 4 Uhr beginnt der Tag. Mit einem Gongschlag. Den ich Langschläferin allerdings so gut wie nie wahrgenommen habe (was hätte ich bloß ohne meinen Wecker gemacht…).

Danach wird erstmal 2 Stunden meditiert. Dabei kannst du selbst entscheiden, ob du im Zimmer bleiben möchtest (Achtung Einschlafgefahr!) oder in die Meditationshalle gehst. In Letzterer bekommst du übrigens einen fixen Platz zugewiesen-bis zum Ende des Kurses gehört dieser sozusagen dir.

Anschließend gibt es Frühstück. Bei uns in Form eines Buffets, das wegen Corona assistiert war. Die Kunst war den Kurshelfern so gut wie möglich zu deuten wieviel von was man auf seinem Teller haben wollte-nicht gerade einfach…

Da erst um 8 Uhr die nächste Meditation ansteht, bleibt normalerweise noch genug Zeit sich zu duschen oder sich nochmals hinzulegen (an dieser Stelle einen Gruß an meine Zimmergenossinnen xD). Wenn du möchtest kannst du auch einen kleinen Morgenspaziergang machen in dem dafür vorgesehenen Bereich.

Egal wie du dich entscheidest: Zur Gruppenmeditation in der Halle solltest du wieder anwesend sein! Dort meditieren nämlich eine Stunde lang alle Schüler zusammen mit dem Lehrer. Nach den darauffolgenden 10 Minuten Pause (also ab 9.10) folgen dann die Anweisungen des Lehrers.

Das bedeutet, dass dieser bekannt gibt welche Schüler in der Halle bleiben (entweder die neuen oder alten männlichen oder die neuen oder alten weiblichen). Alle anderen dürfen selbst entscheiden, ob sie bleiben oder ins Zimmer gehen.

Entschließt du dich für Letzteres findet übrigens keine Kontrolle statt, ob du wirklich meditierst oder nicht. Ich würde es dir allerdings empfehlen, denn es hat ja einen Grund warum du den Vipassana-Kurs machst, stimmt’s? 🙂

Um 11 Uhr erwartet dich dann das Mittagessen, das bei uns wieder ein Buffet war mit täglich wechselnden Gerichten. In unserem Speisesaal gab es zudem eine Liste, wo man sich für ein 10-minütiges Treffen mit dem Lehrer eintragen konnte.

Dieses findet dann zwischen 12 und 13 Uhr statt und dient dazu Fragen BEZÜGLICH DER MEDITATIONSTECHNIK zu klären. Ist deine Absicht über philosophische Themen zu reden, solltest du das mit deinen Freunden nach den 10 Tagen machen!

Im Anschluss daran kannst du wieder entscheiden, ob du in der Halle oder in deinem Zimmer meditieren möchtest, die Gruppenmeditation ab 14.30 findet allerdings abermals verpflichtend in der Halle statt. Genauso wie am Vormittag folgen nach der darauffolgenden Pause (ab 15.40) die Anweisungen des Lehrers.

Gong Vipassana Meditation

Um 17 Uhr ist es dann soweit: Es ertönt der Gong für die Teepause! Doch freu dich nicht zu früh, denn es gibt bloß 2-3 Stücke Obst und ein Glas Milch! Alte Studenten dürfen sogar nur Tee trinken und gar nichts essen.

Das mag zwar hart erscheinen, hat aber einen guten Grund: Mit überfülltem Magen lässt es sich schlecht meditieren. Deshalb wird generell dazu geraten weniger als normal zu essen; ein Dreiviertel davon reicht schon.

Bis 18 Uhr hast du dann Zeit dich zu duschen, spazieren zu gehen oder evtl. einen kurzen Powernap zu machen. Es folgen eine Stunde obligatorische Gruppenmeditation in der Halle, 10 Minuten Pause und der Vortag von Goenka.

Also Goenka ist natürlich nicht persönlich anwesend; die Lehrperson spielt einer seiner Tonaufnahmen ab. Da diese ziemlich wichtige Informationen enthalten und in unzähligen Sprachen übersetzt wurden, solltest du den Vortrag unbedingt in deiner Muttersprache anhören!

Nach einer kurzen Pause kommt um 20.30 die letzte Meditationseinheit des Tages. Hast du keine Fragen mehr, hast du es geschafft: Du darfst schlafen gehen! Ansonsten kannst du natürlich noch eine halbe Stunde in der Halle bleiben und den Fragen der anderen lauschen oder selbst eine stellen.

Die Regeln von Ankunft und Abreise

Am Tag der Ankunft darf man noch reden. Um ca. 17.30 ertönt dann ein Gongschlag bei dem alle Schüler sich (in der Speisehalle) versammeln und eine kleine Mahlzeit essen. Anschließend erklärt die Leiterin des Zentrums den weiteren Ablauf; ab dann herrscht Schweigen.

Dieses geht bis zum 10. Tag des Kurses. An diesem Tag folgen nach der Meditation von 8-9 Uhr die üblichen Anweisungen und dann darf man wieder sprechen (kein muss!).

Auch der letzte, also der 11. Tag beginnt um 4 Uhr morgens mit der zweistündigen Meditation. Nachher gibt es Frühstück und es wird geputzt. Normalerweise übernimmt jeder Schüler mit ein paar anderen einen gewissen Bereich (dies wird jedoch am Abend davor besprochen).

Good to know

Ich bin zwar ein Fan davon die Erfahrung Vipassana einfach auf sich zukommen zu lassen, aber ich hätte folgende Tipps auch gerne vorher erhalten:

  • Versuche schon zu Hause eine Stunde oder sogar ein wenig länger zu meditieren und dabei nicht deine Haltung zu verändern. Das hilft dabei deinen Körper auf die bevorstehenden langen Sitzeinheiten vorzubereiten
  • Reduziere bereits vorher deinen Kaffee- und Zuckerkonsum. In unserem Zentrum gab es bloß Gerstenkaffee und das einzige Süße waren Marmelade und Müsli (die ungesüßten Kuchen lass ich mal weg)
  • Nimm unbedingt einen Wecker (falls du den Gongschlag überhörst oder das Nickerchen kurz bleiben sollte) und eine Taschenlampe (falls deine Zimmergenossen/innen schon bzw. immer noch schlafen) mit!
  • Ich bin im Vipassana-Zentrum von Lutirano (Florenz) gewesen und dort gab es warmes Wasser…Ohne Witz: Ich habe zuerst wirklich befürchtet wir müssten uns kalt duschen!
  • In der Meditationshalle gab es für jeden eine Decke, weshalb ich meinen Schal nicht gebraucht habe. Ich würde dir allerdings empfehlen Kuschelsocken mitzunehmen; diese waren für eine Frostbeule wie mich auch beim Einschlafen essentiell!
  • Vor allem am Beginn wirst du dich häufig fragen wann denn endlich die Meditationseinheit fertig ist. Entscheide selbst, ob eine Armbanduhr dazu führen würde, dass du immer wieder draufblickst oder ob sie nicht deine Konzentration beeinträchtigen würde
  • An Tag 4 ist Vipassana-Tag, d.h. um 13.45 ertönt ein Gongschlag. Alle Schüler müssen in die Meditationshalle und dort die Anweisungen des Lehrers befolgen. Sonst ist der Ablauf wie gewöhnlich.

Fazit

Nach meinem 10-Tage-Vipassana-Kurs habe ich des Öfteren die Frage gestellt bekommen wie denn meine Erfahrung damit war und was ich daraus gelernt habe. Wahrscheinlich interessiert das auch dich brennend, doch leider kann ich keine klare Antwort darauf geben.

Es ist nicht so, dass sich etwas klar ersichtliches im Außen geändert hat. Ich habe keine neue Frisur, keinen neuen Job und keinen neuen Wohnort.

Viel mehr habe ich Dinge, die ich vorher schon VERSTANDen habe nun auch erfahren. So habe ich wirklich ERLEBT, dass Leid und Freude in uns entstehen. Ich habe erkannt, dass es keinen Sinn macht nach möglichst vielen Hochs zu streben.

Wir müssen nicht versuchen in allem bloß das Positive zu sehen-das Negative, der andere Pol existiert genauso; er ist ebenso Realität. Alle Beide sind (wie alles auf dieser Welt) vergänglich, deshalb ist das Einzige worauf es ankommt wie bzw. ob wir darauf reagieren.

Natürlich ist dies einfacher gesagt als getan, doch genau daran möchte ich in Zukunft arbeiten 🙂

PS.: Falls du dir auch überlegst an einem Vipassana-Kurs teilzunehmen (die Teilnahmebedinungen findest du hier) und noch irgendwelche Fragen hast, die ich hier nicht beantwortet habe, dann schreibe sie gerne in die Kommentare.

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